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Theater Heilbronn: Evan Placeys "WiLd!" feiert am 2. November Premiere in der BOXX

Die Welt eines hyperaktiven Kindes

In jeder Klasse gibt es sie: die Träumerchen und Zappelphilippe, die häufig in der Schule eine große Leidenszeit durchleben. Rund fünf Prozent aller Kinder haben ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom) oder ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom mit Hyperaktivität).

Neben ihren Problemen wie Unkonzentriertheit, motorische Unruhe und Impulsivität verfügen sie aber auch über besondere Stärken wie eine große Kreativität, oft eine hohe Intelligenz und die Fähigkeit, viel mehr Reize als neurotypische Menschen wahrzunehmen. Der kanadisch- britische Autor  Evan Placey schaut mit großem Einfühlungsvermögen auf diese »besonderen« Menschen. Er lässt uns mit »WiLd!« die Welt wahrnehmen wie der zehnjährige Billy, ein Junge mit ADHS, sie erlebt – auf Billys schrullige und lustige Weise. Am 2. November hat dieses Stück für Kinder ab acht Jahren in der Inszenierung von Annette Kuß Premiere in der BOXX. In Gesprächen mit Pädagogen wurde ihr gespiegelt, für wie wichtig sie dieses Stück und die Auseinandersetzung mit dem Thema halten, berichtet die Leiterin des Jungen Theaters Heilbronn. Sie arbeitet außerdem mit einer Elternselbsthilfegruppe und mit Psychologen des Klinikums am Weißenhof in Weinsberg zusammen.

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Still. Sitzen. Musst du. Dabei fällt das Stillsitzen dem zehnjährigen Billy so unglaublich schwer. Warum nur ist der Schmetterling, der am Fenster vorbeifliegt, wichtiger, als das, was die Lehrerin sagt. Billy versucht sich ja zu konzentrieren. Aber es gelingt ihm nicht. Immer wieder wird Billys Mutter in die Schule bestellt, weil er sich nicht so benimmt, wie man es von ihm erwartet. Er ist unruhig und hat eine Unmenge Energie, die ihn pausenlos in Bewegung hält. Am wohlsten fühlt er sich beim Bienenstock seines Vaters. Darin geht es zu wie in seinem Kopf: Scheinbar wild, durcheinander und verrückt. Aber eigentlich ist es genau das Gegenteil, denn jede Biene hat ihren Platz und ihre feste Aufgabe.  
Die anderen sind von ihm genervt, seine Mitschüler lachen ihn aus und wollen nicht mit ihm spielen. Seine Mutter liebt ihn bedingungslos, versucht ihm zu helfen und geht mit ihm zum Therapeuten. Nach vielen Untersuchungen steht die Diagnose fest: Billy hat ADHS. Sein Vater glaubt, dass das eine Erfindung und Billy einfach nur ein unerzogener Junge ist und hat die Familie verlassen. Mit den Tabletten, die Billy bekommt, kann er sich in der Schule zwar besser fokussieren aber auch schlechter schlafen. Ein Heilmittel sind die Medikamente nicht, wie ihm der Arzt erklärt, aber eine Unterstützung, um im Schulalltag zurecht zu kommen. Eines Tages bemerken seine Klassenkameraden, dass Billy manche Dinge viel besser kann als alle anderen. Und er erfährt, dass er längst nicht der einzige in seiner Klassenstufe ist, dessen Gehirn anders tickt.

Kinder wie Billy haben es schwer, sich anzupassen

Anpassung, Selbstdisziplin und Besonnenheit sind in der Schule gefordert, was Kinder wie Billy aufgrund ihres anders gearteten Hirnstoffwechsels nicht können. Besonders in den ersten Schuljahren leiden sie darunter, nicht der Norm zu entsprechen. Es ist für sie schwierig, ihre Stärken wie Ideenreichtum, Eloquenz oder einen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn zum Tragen zu bringen. Wenn sie Glück haben, gelingt es ihnen mit zunehmendem Alter.  Viele berühmte Wissenschaftler und Künstler haben oder hatten AD(H)S – wie z.B. Bill Gates, Steve Jobs, auch Albert Einstein soll betroffen gewesen sein – alle haben eine jämmerliche Schulkarriere und schwierige soziale Beziehungen hinter sich.

Sprudelnde Kreativität

Das Stück ist nie  belehrend, sondern subtil, spielerisch und fragil. Er  zeigt uns einen Jungen, der in seinem Leben immer die Aufgabe haben wird, die reale Welt und seine imaginäre Welt, in der ein anderes Tempo herrscht, miteinander in Einklang zu bringen, und der vielleicht irgendwann etwas ganz Besonderes wird. Evan Placey ermöglicht uns mit »WiLd!« einen Perspektivwechsel. Der Zuschauer erlebt das Geschehen aus der Sicht von Billy, der uns in seine Empfindungs- und Gedankenwelt hineinreißt. Ausstatterin Sigi Colpe hat dafür einen Raum aus weißen Schaumstoffröhren geschaffen, einen wilden Spielplatz mit einer ganz eigenen Ordnung, der durch Billys sprudelnde Kreativität immer neue Assoziationsräume eröffnet. Als Bühnenpartner steht dem Schauspieler Patrick Isermeyer der Perkussionist Ferenc Mehl zur Seite. Die treibenden Rhythmen des Schlagzeugs sind akustische Energiequelle und Impulsgeber. So entsteht ein Dialog zwischen Schauspiel, Text und Musik.

Evan Placey wurde 1983 geboren und wuchs in Toronto auf. Er studierte an der Central School of Speech and Drama in Montreal.  Sein erstes abendfüllendes Theaterstück mit dem Titel »Mother of him« (2010) wurde bereits mit zahlreichen Preises in Kanada ausgezeichnet. Zahlreiche Stücke folgten wie »Banana Boys« (2010), »Suicide(s) in Vegas« und »Scarberia« (2012), »How it was for you« (2012) und »Holloway Jones« (2011). Letzteres erhielt den Brian Way Award für das beste Jugendstück. Mit »Girls like that«, seinem ersten Stück, das unter dem Titel »Mädchen wie die« auch in Deutschland erschien, gewann er den Writers Guild Award als Bestes Stück für junges Publikum. Außerdem erhielt er dafür 2016 den Jugendtheaterpreis Baden-Württemberg und war für den Deutschen Jugendtheaterpreis 2016 nominiert. Im gleichen Jahr wurde »WiLd!« in Leeds (UK) uraufgeführt, 2017 erfolgte die Deutschsprachige Erstaufführung am Landestheater Detmolt. »WiLd!« war für den Deutschen Kinder- und Jugendtheaterpreis 2018 nominiert.
Evan Placey ist Dozent an der University of Southampton und unterrichtet dramatisches Schreiben am National Theatre in London, am Tricycle Theatre und in Gefängnissen. Er lebt in London.

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