Nur eine einzige Oper schrieb Ludwig van Beethoven. Aber was für eine! Sein »Fidelio« ist ein Meilenstein in der Musikgeschichte, eine gigantische Ode an die Freiheit, ein Bekenntnis gegen jede Art von Terror und Tyrannei und eine Parabel über den Missbrauch politischer Ideen.

Aus Anlass des 250. Geburtstages Beethovens brachte das Theater Ulm eine gefeierte Inszenierung von Dietrich W. Hilsdorf auf die Bühne, die nun auch für vier Vorstellungen nach Heilbronn kommt. Die Premiere im Großen Haus des Theaters Heilbronn ist am 5. November 2019. Die weiteren Vorstellungen sind am 7., 9. und 16. November jeweils um 19.30 Uhr zu sehen.

Zum Inhalt
Diese Oper ist ein Meilenstein in der Musikgeschichte und fordert uns bis heute heraus, über das Private im Politischen nachzudenken. Denn es sind ganz private Motive, die Leonore zu einer Befreierin der Unterdrückten werden lassen. Ihr Mann Florestan sitzt unschuldig im Staats-Gefängnis von Sevilla. Don Pizarro, der Gefängnisgouverneur, fürchtet ihn, denn Florestan weiß um dessen skandalöse Machenschaften. Pizarro will ihn langsam verhungern lassen. Leonore verkleidet sich als Mann, nennt sich Fidelio und bekommt Arbeit beim Gefängniswärter Rocco. Dessen Tochter Marzelline verliebt sich in den neuen Angestellten ihres Vaters. Und Leonore, alias Fidelio, muss das Täuschungsmanöver aufrechterhalten, um als zukünftiger »Bräutigam« von Marzelline das Vertrauen ihres Vaters zu gewinnen. Schließlich nimmt Rocco seinen Gehilfen mit an jenen Ort, wo die politischen Gefangenen sitzen und wo sie auch ihren Mann vermutet.

»Erst musst du sein Weib töten …«
Als sie ihn das erste Mal sieht, erkennt sie die ausgehungerte Gestalt nicht. Aber sie verspricht: »Wer du auch seist, ich will dich retten, bei Gott, du sollst kein Opfer sein!«

Unterdessen hat Don Pizarro Nachricht erhalten, dass sich der Minister zu einem Gefängnisbesuch angekündigt hat, weil von misshandelten Opfern politischer Willkür erfahren haben will. Jetzt muss alles ganz schnell gehen. Pizarro muss sich dieses Gefangenen entledigen, befiehlt, ihn ermorden zu lassen und lässt schon sein Grab schaufeln. Als Pizarro letztlich selbst Florestan töten will, weil es kein anderer für ihn tut, wirft sich Fidelio dazwischen: »Töte ihn nicht – erst musst du sein Weib töten!«

Der Kontrast zwischen dem düsteren Kerker, den Qualen und der Unterdrückung und dem Licht der Freiheit ist auch in der Musik eindrucksvoll zu hören. Die Stärke dieser ethisch-moralischen Idee in Verbindung mit der musikalischen Kraft und Schönheit von Beethovens Partitur machen »Fidelio« so einzigartig unter den großen Werken der Opernliteratur. Im fulminanten Finale mit Pauken und Trompeten hört man schon Anklänge an den jubelnden Schlusschor aus Beethovens neunter Sinfonie, die »Ode an die Freude«.

Beethoven allerdings musste bekennen: »Dieses mein geistiges Kind hat mir vor allen anderen die größten Geburtsschmerzen, aber auch den größten Ärger gemacht«. Neun Jahre lang hat er sich nach der Uraufführung 1805 in Wien – damals noch unter dem Titel »Leonore«, die beim Publikum durchfiel, immer wieder daran abgearbeitet. Vier Ouvertüren hat er geschrieben, bevor das Werk am 23. Mai 1814 in Wien - dann unter dem Titel »Fidelio« zum ersten Mal in seiner endgültigen, dann aber frenetisch gefeierten Version, erklang.

Krimi aus dem Biedermeier mit Musik
Regisseur Dietrich Hilsdorf beschreibt die Oper »Fidelio« als spannenden Krimi mit Musik. Den Grund für die schwierige Aufführungsgeschichte sieht er unter anderem im Libretto mit seinen hölzernen Dialogen. Diese hat Hilsdorf in seiner Fassung eliminiert. Die Aufführung beginnt nun mit der Konzert¬ouvertüre »Leonore III«. Der Regisseur möchte das Lustspielhafte der Geschichte betonen. Er nennt seine Version »Szenen aus dem bürgerlichen Heldenleben oder: Der ganz alltägliche Wahnsinn des Biedermeier«.

Er lässt auch rein optisch zusammen mit Bühnenbildner Dieter Richter und Kostümbildnerin Bettina Munzer das Biedermeier wiederauferstehen. Doch in dieser scheinbaren Idylle werden gesellschaftliche Risse sichtbar: Die hochaufragenden Wände im Hintergrund sind vermodert, das Grab für den gefangenen Florestan wird mitten auf der Bühne ausgehoben und die Gefangenen strömen aus dem Keller hinein ins kleinbürgerliche Wohnzimmer.

Drucken